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Oliver Reitz

Direktor des Eigenbetriebs Wirtschaft und Stadtmarketing Pforzheim (WSP)

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Knochenjob: Der Traum vom eigenen Reiterhof

„Das ganze Leben ist auf den Stall ausgerichtet“, sagt Eva Holeiter aus Pfinztal. Seit zwei Jahren betreibt sie den Pferdehof „Islandpferde Keyser vom Hirschbach“ hauptberuflich.
Eva Holteiter aus Pfinztal hat sich mit ihrem Reiterhof "Islandpferde Keyser vom Hirschbach" einen langersehnten Traum erfüllt. Foto: Tanja Meckler

04.10.2022

von Tanja Meckler

Hoch oben in Pfinztal-Söllingen thront der Reiterhof „Islandpferde Keyser vom Hirschbach“, mit ihm hat sich Eva Holeiter einen langersehnten Traum erfüllt. Ein Traum, der es aber in sich hat und der, in der Realität, nichts mit den idyllischen Vorstellungen aus Mädchenpferdebüchern gemein hat.

Der Reiterhof aus der Vogelperspektive. Foto:
©Islandpferde Keyser vom Hirschbach

Bei Wind und Wetter steht Eva Holeiter Tag für Tag auf dem Hof. Sie mistet, versorgt die Pferde, gibt Reitunterricht, verrichtet kleine handwerkliche Tätigkeiten selbst. Zehn Pferde besitzt Eva Holeiter gemeinsam mit ihrer Mutter und ihrer Schwester, neun stehen in Pfinztal ein weiteres in Island. Zu tun gibt es auf dem Hof immer etwas und auch wenn sich die Aufgaben ähneln, ist doch jeder Tag anders. Genauso wie die ReitschülerInnen haben auch die Pferde ihre ganz eigenen Launen. In der Woche zählt der Reiterhof inzwischen rund 100 ReitschülerInnen. Die Buchhaltung erledigt Eva Holeiter meist nachts, denn sie hat auch noch zwei kleine Kinder. Ohne ihre Familie, die viel im Background leistet, wäre das nicht zu meistern.

Foto:
©Islandpferde Keyser vom Hirschbach

Seit 2021 ist Pferdewirtin Luna Barlian bei „Islandpferde Keyser vom Hirschbach“ angestellt. Für Eva Holeiter ist sie eine wichtige Stütze. Als Pferdewirtin braucht man einen starken Willen, körperliche und mentale Ausdauer und man muss zurückstecken können. Längere Urlaube oder auch mal spontane Kurztrips am Wochenende sind nur selten möglich. Auch mit unregelmäßigen Arbeitszeiten muss man klar kommen, denn wenn es einem Pferd nicht gut geht und der Tierarzt kommen muss, kann man nicht einfach alles stehen und liegen lassen. 

Luna Barlian ist Pferdewirtin aus Leidenschaft. Foto:
©Islandpferde Keyser vom Hirschbach

„Alles andere kann man lernen“, meint Luna Barlian lachend und fügt hinzu: „Es ist schon sehr viel Knochenarbeit und teilweise auch sehr anstrengend, weil man bei jedem Wetter draußen sein muss, bei Hitze, bei Regen. Man muss die Pferde versorgen auch wenn man selbst nicht fit ist.  Aber es gibt auch viele schöne Momente, wenn man Erfolgserlebnis mit einem Pferd oder Reitschüler hatte.“ Vor einem Jahr schloss sie ihre Ausbildung mit einem Schnitt von 1,9 ab und wurde damit Deutschlands beste Azubine in der Sparte Spezialreitwesen. Stolz zeigt sie ihre Ursula-Bruns- Plakette. Diese wird seit 2017 für besondere Leistungen in der Fachrichtung Spezialreitweisen Einsatzgebiet Gangreiten vergeben. Mit der Namensgebung für die Auszeichnung wird an eine Pferdefrau erinnert, die das Freizeitreiten und Gangpferdereiten in Deutschland maßgeblich geprägt hat.

Pferdewirtin Luna Barlian. Foto: Tanja Meckler
Die Plakette. „Ich bin immer noch happy, über diese tolle Auszeichnung“, sagt Luna Barlian, Foto: Tanja Meckler

Ausgebildet wurde Luna Barlian von Anna Krolow, IGV-Ausbilderin und Trainerin A, im Allee-Reitstall Baden-Baden. In Baden-Württemberg gibt es insgesamt nur sechs Ausbildungsbetriebe die in dieser Sparte ausbilden. Nach der Ausbildung zog es die frischgebackene Pferdewirtin in einen kleinen, familiären Stall. Den fand sie bei Eva Holeiter. Neben Luna Barlian gibt es noch eine Teilzeitkraft und ab Oktober 2022 kommt noch eine Jahrespraktikantin ins Team. 

Schon als kleines Mädchen träumte Eva Holeiter davon Pferdewirtin zu werden. Im Alter von 11 Jahren bekommt sie ihr erstes eigenes Pferd Japur, seit nunmehr 20 Jahren steht er ihr nun schon treu zu Seite.

Eva Holeiter mit ihrem Japur. Seit 20 Jahren begleitet er sie nun schon. Foto: Tanja Meckler

Japur war damals ein echtes Wildpferd und kam von einer Schlachtweide aus der Pfalz. Stundenlang saß Eva damals bei ihm auf der Koppel, machte nebenher Hausaufgaben. Mal beachtete er sie, mal nicht. Stück für Stück erarbeitet sich die Pferdenärrin schließlich sein Vertrauen. Eigentlich wollte Eva Holeiter nach der Schule eine Ausbildung als Pferdewirtin beginnen, doch da spielten die Eltern nicht mit. Also begann sie erstmal eine „anständige“ Lehre. Als Belohnung durfte sie danach ein Jahr nach Island und dort auf einem Hof mit Pferden arbeiten. Zuständig war sie dort für den Beritt und die Korrektur.

Eva Holeiter in Island. Foto: Eva Holeiter
Isländer beim toben. Foto: Eva Holeiter

Aus ihrer Zeit in Island brachte sie zwei Pferde mit nach Deutschland. Zurück in der Heimat begann sie nebenberuflich Reitstunden zu geben. Der Bedarf war da, die Anfragen stiegen. 2019 setzt sie sich intensiv mit ihrem Mann, ihrer Mutter und ihrer Schwester mit der Frage auseinander, wie es weitergehen soll. Die Entscheidung, dass sie den Hof hauptberuflich übernimmt stand schließlich fest. Zu diesem Zeitpunkt ist Eva Holeiter bereits zum zweiten Mal schwanger. Ohne die Familie im Background wäre die Arbeit von daher gar nicht möglich. Neben Reitunterricht und Ponyreiten bietet der Hof auch Kindergeburtstage und manchmal Ferienbetreuung an. „Natürlich ist im Sommer mehr möglich, aber wir geben auch im Winter unser Bestes“, erzählt Eva Holeiter. Corona war für den Reiterhof ein schwerer Schlag, den es noch immer aufzuarbeiten gilt. Trotzdem wollte sie nicht in irgendein Büro zurück, der Stall ist ihr Leben – auch wenn längst nicht alles perfekt ist. “ Pferdeleute sind manchmal komisch und eigen“, meint sie lachend. Wünschen würde sie sich einen kleinen Aufenthaltsraum. Zum Aufwärmen in der Mittagspause oder zum umziehen, wenn die Kleider komplett durchnässt sind. „Das wäre fast schon luxeriös“, meint sie lachend und deutet dann zu ihrem Zelt, in dem sogar eine kleine Küchenvitrine steht. „Im Winter ist es zwar ein bisschen ungemütlich, aber wir sind froh, dass wir es haben.“

Das grüne Zelt dient als Aufenthaltsraum. Foto: Tanja Meckler

Bei „Islandpferde Keyser vom Hirschbach“ soll den ReitschülerInnen nicht nur das Reiten beigebracht werden, sondern sie sollen wirklich lernen was es bedeutet ein Pferd zu haben. Das Wohl der Tiere steht für Eva Holeiter und ihr Team an oberster Stelle und dazu gehört die Grundversorgung und die Verantwortung die man einem Tier gegenüber hat.

Eva Holeiter mit zwei kleinen Reitschülerinnen. Foto:
©Islandpferde Keyser vom Hirschbach

Luna Barlian erzählt, dass es während des ersten Lockdowns fast keine Pferde mehr zu kaufen gab ihr Ratschlag: „Wenn man sich ein Pferd kaufen möchte, dann muss man wirklich die Leidenschaft für haben und seine Zeit und Energie dafür aufwenden, dass es dem Tier auch gut geht. Es ist genauso ein Haustier, auch wenn es nicht direkt daheim lebt.“

Auch das Auftrensen muss gelernt werden. Foto: ©Islandpferde Keyser vom Hirschbach
Auch das Auftrensen muss gelernt werden. Foto: ©Islandpferde Keyser vom Hirschbach

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